Ein Jahr danach: Wirklich nichts dazu gelernt, Herr Beck?

Aus Anlass der Jahrestage im Fall Eva Herman hatte der MQV-Vorstand im September alle Ministerpräsidenten der Länder in einem offenen Brief angeschrieben und um eine aktuelle Stellungnahme zu den Konsequenzen gebeten, die sie für ihre Medienpolitik daraus gezogen haben. 

 
Nun – nach gerade mal 7-wöchiger "Bearbeitungszeit" – haben wir immerhin die erste Antwort erhalten. Von der Staatskanzlei des rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck kam folgender Brief:
 
 
Dass uns ausgerechnet Becks Büro (als einziger?) antwortet, ist sicher kein Zufall: Beck ist Vorsitzender der Rundfunkkommission der Länder und in Personalunion Vorsitzender des ZDF-Verwaltungsrats – sozusagen der "Pate" des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland.
 
Der Brief enthält nur die bekannten stereotypen Aussagen. Besonders bemerkenswert:
 
"Die Sendung und die massiven Reaktionen wurden jedoch zum Anlass genommen, den journalistischen Anspruch als öffentlich-rechtlicher Sender noch kritischer zu hinterfragen."
 
NOCH KRITISCHER? Da müssen wir ja wohl irgendwas komplett übersehen haben, Herr Beck??

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Re: Ein Jahr danach: Wirklich nichts dazu gelernt, Herr Beck?

Joachim Hachmeister wrote:

Der Brief enthält nur die bekannten stereotypen Aussagen. Besonders bemerkenswert:"Die Sendung und die massiven Reaktionen wurden jedoch zum Anlass genommen, den journalistischen Anspruch als öffentlich-rechtlicher Sender noch kritischer zu hinterfragen."

Lieber Joachim,

vielleicht hätte es Sinn nochmal ihm oder an den anderen schreiben und dabei auf Gerichtsentscheidung vom 01.10.2008 hinweisen. Es muss mindestens eine Entschuldigung gefordert werden. Bekannte Organen immer wieder legen großen Wert auf solchen "Entschuldigungen" obwohl sie auch wissen, dass diese sind nur formell geleistet sind.

Leider haben wir keinen richtiger Wortlaut der Entscheidung. EH sollte mir diese mal zuschicken, aber nun sie ist unterwegs und vielleicht hat dazu keine Zeit. Ich kann probieren bei ihrer Schwetser Marina.

Jurij

Re: Ein Jahr danach: Wirklich nichts dazu gelernt, Herr Beck?

Joachim Hachmeister wrote:

Aus Anlass der Jahrestage im Fall Eva Herman................

Der Brief enthält nur die bekannten stereotypen Aussagen. Besonders bemerkenswert:

"Die Sendung und die massiven Reaktionen wurden jedoch zum Anlass genommen, den journalistischen Anspruch als öffentlich-rechtlicher Sender noch kritischer zu hinterfragen."
 NOCH KRITISCHER? Da müssen wir ja wohl irgendwas komplett übersehen haben, Herr Beck??

... hier bin ich auch der Meinung, noch ein zweites Schreiben zu verfassen. Hier wäre auch der Wortlaut der Gerichtsentscheidung hilfreich.

Erfahrungsgemäß nehmen jedoch unsere Politiker die "richterliche hier politische Unabhängigkeit" auch für sich in Anspruch. Vor allem die Unabhängigkeit vom Volk bzw. dessen Wählerauftrag.

Letztens hatten noch einige Politiker sogar Verfassungsgerichtsurteile negativ kommentiert. Da wird voraussichtlich kein Politiker die Urteilsbegründungen des Landesarbeitsgerichtes anerkennen bzw. sich deren Hinweisen unterwerfen.

Unsere Politiker sind nach der Wahl losgelassen. Vielleicht aber einfach nur überarbeitet.

 

ro

Re: Ein Jahr danach: Wirklich nichts dazu gelernt, Herr Beck?

Jurij Below wrote:

Joachim Hachmeister wrote:

Der Brief enthält nur die bekannten stereotypen Aussagen. Besonders bemerkenswert:"Die Sendung und die massiven Reaktionen wurden jedoch zum Anlass genommen, den journalistischen Anspruch als öffentlich-rechtlicher Sender noch kritischer zu hinterfragen."

Lieber Joachim,

vielleicht hätte es Sinn nochmal ihm oder an den anderen schreiben und dabei auf Gerichtsentscheidung vom 01.10.2008 hinweisen. Es muss mindestens eine Entschuldigung gefordert werden. Bekannte Organen immer wieder legen großen Wert auf solchen "Entschuldigungen" obwohl sie auch wissen, dass diese sind nur formell geleistet sind.

Leider haben wir keinen richtiger Wortlaut der Entscheidung. EH sollte mir diese mal zuschicken, aber nun sie ist unterwegs und vielleicht hat dazu keine Zeit. Ich kann probieren bei ihrer Schwetser Marina.

Jurij

Liebe Mitstreiter Joachim und Jurij,
für den Mittwoch (26.11.2008) ist ja der nächste Termin vor dem Landesarbeitsgericht Hamburg festgelegt. Allerdings habe ich mich die ganze Zeit gefragt, warum man sich mit einer Entscheidung so schwer tut. Weshalb diese Verzögerungstaktik zwecks möglicher (?) außergerichtlicher gütlicher Einigung. Wie soll eine "gütliche Einigung" denn angesichts dieser unglaublichen Vergehen gegen Recht und Gesetz dann noch aussehen?

Nachbemerkung:
Mein Schreiben an den Herrn Bundespräsidenten Horst Köhler enthielt EINDEUTIGE Hinweise auf mehrfache schwerste Verstöße gegen die im Grundgesetz festgeschriebenen Grundrechte im Kontext zum Kerner-Skandal.

Wohlgemerkt: DIES GESCHAH IN ALLER ÖFFENTLICHKEIT VOR MILLIONEN VON ZUSCHAUERN IM ZDF !!!

Die Antwort aus dem Bundespräsidialamt dazu:
"Talkshows entziehen sich dem Amtsverständnis des Bundespräsidenten" ist wiederum ganz klar gegen das Verständnis ALLER Bürger unseres Landes.

Gruß
bill4u

Re: Ein Jahr danach: Wirklich nichts dazu gelernt, Herr Beck?

Lieber Jurij, Roland und Bill4u,

ich kenne zwar die genauen Details des Verfahrens genauso wenig wie Ihr und ich bin auch kein Jurist, aber erlaubt mir trotzdem ein paar Anmerkungen, um die Dinge zu "sortieren":

- Bei den "Feststellungen" des Hamburger Arbeitsrichters handelt es sich "nur" um einen mündlichen Kommentar. Sie sind bis heute in kein Urteil und in keine Entscheidung des Gerichts eingeflossen. Deswegen wird es darüber auch kein öffentlich zugängliches Protokoll geben - nur das "Gedächtnisprotokoll" von Frau Herman, das allerdings nach meiner Kenntnis unwidersprochen ist.

- Im Mittelpunkt des Verfahrens stehen derzeit offenbar auch nicht die Kündigungsgründe, sondern vielmehr die Frage, ob das Arbeitsgericht überhaupt zuständig ist. Eva Herman war freie Mitarbeiterin des NDR. Ihre Anwälte argumentieren jedoch, dass sie tatsächlich in einem "abhängigen" Beschäftigungverhältnis stand. Sollte das Gericht dem zustimmen, hätte es vermutlich noch weitreichendere Konsequenzen für alle Beteiligten (Stichwort: Scheinselbständigkeit).

- Die Äußerungen des Richters beziehen sich übrigens auch ganz offensichtlich nicht auf die Kerner-Sendung, sondern auf die Presseberichte zuvor (z.B. Hamburger Abendblatt). Die waren ja auch der Anlass für die Kündigung, die ja schon vor dem Kerner -Rauswurf erfolgte.

Generell bin und war ich schon immer der Ansicht, dass Frau Herman von Ihren Anwälten nicht unbedingt optimal beraten wird (jedenfalls nicht in unserem Sinne). Ihr Hauptziel ist offenbar eine finanzielle Entschädigung (ich glaube nicht, dass sie unter diesen Umständen ernsthaft eine Wiederanstellung anstrebt). Sowas regelt man erfahrungsgemäß tatsächlich besser außergerichtlich. Demgegenüber trat das Drängen auf eine öffentliche Rehabilitierung (die uns allen so wichtig ist) - wohl aus taktischen Gründen - von Anfang an in den Hintergrund. Wo keine Klägerin ist, da gibt es aber auch keine Angeklagten...

Gerade der jüngste Fall des Abgeordneten Heilmann (wie immer man zu ihm stehen mag) zeigt aber, dass deutsche Gerichte, im Konflikt zwischen Meinungs- und Pressefreiheit auf der einen und Persönlichkeitsrechten auf der anderen Seite, sehr wohl bereit sind, durchaus auch drastische Maßnahmen gegen die Medien zu ergreifen.

Re: Ein Jahr danach: Wirklich nichts dazu gelernt, Herr Beck?

Lieber Joachim,
ich weiß nur, dass Frau Herman von 1983 bis 1986 beim Bayerischen Rundfunk eine journalistische Ausbildung absolvierte und (ebenfalls vom BR) 1988 zur TV-Sprecherin ausgebildet wurde. Beim Casting des damaligen Tagesschau Chefsprechers Werner Veigel empfahl ihr dieser, sich für den letzten Schliff den absolut besten Sprechausbilder zu suchen, den es in Deutschland gibt. Frau Herman sagte, dass sie den nicht suchen muss, denn der sitzt vor ihr!
Frau Hermans Talent der Vielseitigkeit, die ich bis in die 90er Jahre beim besten Willen nicht leiden konnte, erkannte ich vor allem durch ihre DAS - Moderationen, in denen sie sich außerhalb des "Korsetts" einer Tagesschau-Sprecherin relativ frei entfalten konnte.
Sie hat auch viele andere Sendungen gestalterisch mit geprägt und wurde nicht umsonst (laut Emnid-Umfrage) als „beliebteste Moderatorin Deutschlands“ bezeichnet.
Soviel Beliebtheit und Attraktivität brachte ihr eben soviel Karriere-Neid und bei den Damen jede Menge „Stutenbissigkeit“ ein. Sie war der Pike auf „ein Kind und zugleich als Aushängeschild das Gesicht der ARD“ – das im Falle der „Privaten“ wie Roger Schawinski in seinem Buch „Die TV-Falle“ schrieb,- gehegt, gepflegt und gehätschelt worden wäre.
Die „Götter“ der ÖR profitieren von der Beliebtheit ihrer „Geknechteten“ und sitzen selbst bequem auf lebenslang unkündbaren Posten.
Die Frage „Freie“ Mitarbeiterin oder nicht, juristische „Erbsenzählerei“ auf der einen Seite finsterste Diktatur auf der anderen !
(übrigens hatte bekanntlich der Richter des Landesarbeitsgerichtes Hamburg die Entscheidung der unteren Instanz (AG Hamburg) außer Kraft gesetzt – ich weiß nicht, ob das ohne jedes Protokoll möglich ist...)
Am Mittwoch (26.11.2008) werden wir hoffentlich schlauer sein...

Hier noch ein allgemeiner Link:
http://www.djv.de/14-02-2008-Freie-am-NDR-prote.2179.0.html

Viele Grüße
bill4u

Re: Ein Jahr danach: Wirklich nichts dazu gelernt, Herr Beck?

Lieber Bill4u,

vor Gericht und auf hoher See sind wir bekanntlich in Gottes Hand...

Wer aber den Weg vor Gericht wählt, der kommt nicht umhin - Erbsenzählerei hin oder her - sich auch mit formal-juristischen Fragen auseinander zu setzen. Die Anwälte von Eva Herman haben - in meinen Augen - einen sehr riskanten Weg gewählt, denn sie könnten tatsächlich an einer puren Formalie scheitern. Sie werden hoffentlich wissen, warum...

Ich bin auch auf den Mittwoch gespannt!

Beste Grüße
Joachim Hachmeister

Re: Ein Jahr danach: Wirklich nichts dazu gelernt, Herr Beck?

Lieber Joachim,
diese Auffassung teile ich schon lange.
Scherzhafte Nebenbemerkung:
Jemand wurde das Fahrrad gestohlen, er hatte auch einen sicheren Hinweis, wer es gewesen ist. Nach der Gerichtsverhandlung fragt man ihn, ob der Dieb auch geständig war.
Seine Antwort:"Der Anwalt des mutmaßlichen Täters war so gut, dass ich nun bezweifeln muss, überhaupt jemals ein Fahrrad besessen zu haben."
Heute ist der "Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen" ! Man muss eine Frau nicht schlagen, man kann sie auf viele Art und Weise verletzen und entehren. Was bei Kerner geschah, ist die Krönung der Schändung. Jurij schrieb treffend: Frau Herman wurde sinnbildlich in aller Öffentlichkeit ausgepeitscht...

Wer hätte an Frau Hermans Stelle noch noch soviel menschliche Haltung und den Anstand bewahrt ?

Viele Grüße
bill4u

Re: Ein Jahr danach: Wirklich nichts dazu gelernt, Herr Beck?

Hier ein interessanter Link mit dem Hinweis, dass es mit der Vernehmung von Eva Hermans Ex-Kollegen Jens Riwa, dem pensionierten Jo Brauner und Dr. Kai Gniffke am 23. Januar 2009 vor dem Landesarbeitsgericht Hamburg weiter gehen soll.

http://www.welt.de/fernsehen/article2787131/Ex-Kollegen-sollen-im-Fall-E...

Gruß
bill4u

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